Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten

Schrift von J. Corneliums-Bundschuh, J. Geldemeister, K. Butting (Hrsg.)

Die von Jochen Cornelius-Bundschuh, Jan Gildemeister und Klara Butting herausgegebene Broschüre ist ein engagierter und zugleich differenzierter Beitrag zur gegenwärtigen friedensethischen Debatte. Sie erscheint in einer Zeit sicherheitspolitischer Umbrüche, zunehmender Militarisierung und globaler Mehrfachkrisen – und positioniert sich bewusst gegen eine Verkürzung von „Sicherheit“ auf militärische Stärke.

Inhaltliche Ausrichtung

Zentral ist das Leitbild des „gerechten Friedens“, das als Weiterentwicklung klassischer Lehren vom „gerechten Krieg“ verstanden wird. Frieden wird nicht als bloße Abwesenheit von Gewalt definiert, sondern als ein Zustand, der Rechtssicherheit, soziale Gerechtigkeit, ökologische Verantwortung und politische Teilhabe umfasst. Damit bewegt sich der Band klar im Horizont evangelischer Friedensethik, ohne jedoch ausschließlich kirchenintern zu argumentieren.

Die Beiträge analysieren gegenwärtige Konfliktlagen, diskutieren die Grenzen militärischer Gewalt, thematisieren Atomwaffen, Rüstungsexporte und die sicherheitspolitischen Folgen der Klimakrise. Besonders hervorzuheben ist die Unterscheidung zwischen „Sicherheit mit“ und „Sicherheit gegen“ – ein analytisch hilfreiches Raster, das kooperative Sicherheitskonzepte normativ stark macht.

Stärken

  1. Normative Klarheit: Die friedensethische Positionierung ist transparent und argumentativ fundiert.
  2. Interdisziplinärer Zugriff: Theologische, politische und völkerrechtliche Perspektiven werden miteinander verschränkt.
  3. Praxisbezug: Mit konkreten „Wegweisern“ evangelischer Friedensarbeit bleibt der Band nicht auf abstrakter Ebene stehen.
  4. Zeitdiagnostische Schärfe: Die Analyse aktueller sicherheitspolitischer Diskurse wirkt reflektiert und sachkundig.

Kritische Würdigung

Die argumentative Linie ist konsistent, teilweise jedoch stark normativ ausgerichtet. Leserinnen und Leser, die sicherheitspolitische Abschreckungslogiken stärker gewichten, werden manche Bewertungen als einseitig empfinden. Zudem bleibt die konkrete politische Operationalisierung ziviler Konfliktbearbeitung stellenweise programmatisch; die Frage nach realpolitischer Umsetzbarkeit wird eher angerissen als systematisch durchdekliniert.

Gesamturteil

Die Broschüre ist ein substantieller Beitrag zur aktuellen Friedensdebatte. Sie verbindet theologische Reflexion mit politischer Analyse und bietet Orientierungswissen für kirchliche wie zivilgesellschaftliche Akteure. Wer sich mit Fragen von Sicherheit, Gewaltbegrenzung und gerechtem Frieden auseinandersetzen möchte, findet hier eine argumentativ durchdachte, ethisch profilierte und diskursfähige Stimme.

Empfehlenswert für Studierende der Theologie und Politikwissenschaft, kirchliche Mitarbeitende sowie alle, die an normativen Grundlagen zeitgenössischer Friedenspolitik interessiert sind.

Weitere Informationen auf friedensdienst.de (Link)
Download auf friedensdienst.de (pdf)

„Die vier Dimensionen des gerechten Friedens heute“

Das Kapitel entfaltet das Leitbild des „gerechten Friedens“ als zentrale friedensethische Orientierung für Gegenwartsgesellschaften. Es versteht Frieden nicht negativ als bloße Abwesenheit von Krieg, sondern positiv als einen strukturell gesicherten Zustand gerechter und gewaltarmer Verhältnisse. Dieses Friedensverständnis wird in vier miteinander verschränkten Dimensionen konkretisiert:

1. Schutz vor Gewalt (Friedensdimension der Sicherheit)

Diese Dimension betrifft die Eindämmung, Prävention und Überwindung physischer Gewalt. Ziel ist der wirksame Schutz von Menschen vor Krieg, Terror, staatlicher Repression und struktureller Gewalt.

Das Kapitel betont dabei:

  • Vorrang ziviler Konfliktbearbeitung vor militärischer Gewaltanwendung
  • Stärkung internationaler Rechtsordnungen
  • Gewaltprävention durch Diplomatie, Mediation und Frühwarnsysteme

Militärische Mittel werden kritisch reflektiert und als begrenzt legitimierbar dargestellt – stets eingebettet in rechtliche und ethische Kriterien.

2. Förderung von Freiheit und Menschenrechten

Frieden ist ohne individuelle und kollektive Freiheitsrechte nicht denkbar. Diese Dimension unterstreicht:

  • Rechtsstaatlichkeit
  • Schutz der Menschenwürde
  • Politische Teilhabe und demokratische Strukturen

Unfreiheit, Unterdrückung und systematische Menschenrechtsverletzungen gelten als strukturelle Friedensgefährdungen. Gerechtigkeit und Freiheit sind daher nicht Zusatz, sondern konstitutive Bestandteile eines stabilen Friedens.

3. Abbau von Not und Förderung sozialer Gerechtigkeit

Soziale Ungleichheit, Armut und ökonomische Ausbeutung werden als friedensrelevante Faktoren analysiert. Frieden setzt voraus:

  • Gerechte Ressourcenverteilung
  • Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung und existenzieller Sicherung
  • Faire globale Wirtschaftsstrukturen

Das Kapitel verknüpft Friedensethik ausdrücklich mit Fragen globaler Gerechtigkeit und nachhaltiger Entwicklung.

4. Anerkennung kultureller und religiöser Vielfalt

Dauerhafter Frieden erfordert den respektvollen Umgang mit Differenz. Diese Dimension betont:

  • Interkulturellen Dialog
  • Religiöse Toleranz
  • Abbau von Feindbildern

Identitätspolitische Polarisierungen und kulturelle Ausgrenzung werden als konfliktverschärfend beschrieben. Frieden entsteht dort, wo Verschiedenheit nicht als Bedrohung, sondern als legitime Pluralität anerkannt wird.

Gesamtverständnis

Die vier Dimensionen sind nicht additiv, sondern systemisch miteinander verbunden. Sicherheitsfragen lassen sich nicht isoliert militärisch lösen; sie sind verknüpft mit Gerechtigkeit, Rechtsstaatlichkeit und sozialer Stabilität.

Das Kapitel versteht „gerechten Frieden“ daher als ein integratives Ordnungsmodell, das ethische Normativität mit politischer Praxis verbindet. Es liefert ein normatives Koordinatensystem für kirchliche wie gesellschaftliche Friedensarbeit und stellt sich bewusst gegen eine rein machtpolitische Sicherheitslogik.

Kurz gesagt:
Frieden ist nicht nur das Ende von Krieg, sondern das Ergebnis gerechter, rechtsstaatlicher, sozial verantwortlicher und pluralitätsfähiger Strukturen.

Klimagerechtigkeit

Das Kapitel arbeitet heraus, dass die Klimakrise kein Randthema, sondern eine friedensethische Schlüsselfrage ist. Klimabedingte Ressourcenknappheit, Extremwetterereignisse und Migrationsbewegungen verschärfen bestehende Konflikte.

Gefordert wird:

  • Eine konsequente Reduktion von Emissionen
  • Globale Verantwortung der Industriestaaten
  • Gerechte Lastenverteilung zwischen Nord und Süd

Klimagerechtigkeit wird als integraler Bestandteil eines gerechten Friedens verstanden, weil ökologische Zerstörung soziale Ungleichheit und Gewaltpotenziale verstärkt.