zap Studie zum kirchlichen Ehrenamt – ein Kommentar von FJ Klausdeinken

Eine Studie zum kirchlichen Ehrenamt zeigt: Menschen wollen sich engagieren – aber anders als bisher. Für die verfasste Kirche liegt darin die Chance, sich stärker für gesellschaftliche Anliegen zu öffnen und mit zivilgesellschaftlichen Initiativen auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten.
Wie kann kirchliches Engagement auch in Zukunft Menschen erreichen und gesellschaftlich wirksam sein? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Studie „Ab- oder Aufbruch? Kirchliches Ehrenamt im Wandel“ von Cyra Gendig, Nikita Katsuba und Miriam Zimmer. Sie bündelt Ergebnisse aus fünf Untersuchungen mit insgesamt 1.886 Teilnehmenden aus den Jahren 2021 bis 2026 und bezieht Erkenntnisse des sechsten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU VI) ein. (Download pdf)
Die Ergebnisse machen deutlich: Das traditionelle kirchliche Ehrenamt steht unter Druck. Religiöse Bindung und Kirchenzugehörigkeit verlieren als alleinige Motivation an Bedeutung. Gleichzeitig bleiben Menschen bereit, sich für andere und für ihr Lebensumfeld einzusetzen. Darin liegt eine wichtige Zukunftsperspektive für Kirche und Gesellschaft.
Menschen engagieren sich – aber aus unterschiedlichen Gründen
Die Studie unterscheidet vier Motivationsformen: religiöse Überzeugung, Verbundenheit mit Kirche und Tradition, das soziale Anliegen, anderen zu helfen, sowie den Wunsch, das eigene Umfeld mitzugestalten.
Besonders aufschlussreich sind die Motive der bereits Engagierten: 91 Prozent der kirchlich Engagierten nennen Gemeinschaft und das Dasein für andere als zentral. Für 76 Prozent ist der soziale Austausch wichtiger als religiöse Fragen. Bei 43 Prozent stehen religiöse Aspekte des christlichen Glaubens im Vordergrund.
Zugleich findet kirchliches Engagement häufig außerhalb der eigenen Gemeinde statt: 77 Prozent der engagierten Katholikinnen und Katholiken und 76 Prozent der engagierten Protestantinnen und Protestanten engagieren sich außerhalb ihrer Kirchengemeinde.
Die Botschaft lautet: Engagement lässt sich nicht auf kirchliche Gremien, Gottesdienste oder klassische Ehrenämter begrenzen. Menschen wollen etwas Sinnvolles tun, Gemeinschaft erleben, ihre Fähigkeiten einbringen und konkrete Veränderungen bewirken.
Was Engagement erschwert
Nicht nur die rückläufige Kirchenbindung, sondern auch organisatorische Hürden erschweren das Engagement. Dazu zählen unklare Zuständigkeiten, fehlende Ansprechpersonen, unzureichende Kommunikation, wenig Mitbestimmung und starre Strukturen. Hinzu kommt, dass vielen Menschen nur begrenzt Zeit für ein dauerhaftes Engagement zur Verfügung steht.
Die Studie legt deshalb einen Perspektivwechsel nahe: Ehrenamtliche sind nicht in erster Linie eine Ressource, um fehlendes hauptamtliches Personal zu ersetzen. Sie brauchen klare Rahmenbedingungen, verlässliche Kontakte, Gestaltungsspielräume und echte Entscheidungsmöglichkeiten.
Engagementförderung ist damit mehr als die Suche nach Freiwilligen. Sie ist eine Aufgabe der Organisationsentwicklung.
Was die verfasste Kirche von zivilgesellschaftlichen Vernetzern lernen kann
Die Erfahrungen des ökumenischen Netzwerks Christians & Churches for Future (CC4F) im Raum Soest zeigen, welches Potenzial in der Zusammenarbeit unterschiedlicher gesellschaftlicher Akteure liegt. Bei Themen wie Klimagerechtigkeit, Frieden und Schöpfungsverantwortung können Kirchen, Umweltverbände, Bildungseinrichtungen, Initiativen und weitere Partner ihre Kompetenzen verbinden und Menschen über unterschiedliche Zugänge erreichen.
Daraus ergeben sich sechs Anregungen für die verfasste Kirche:
1. Bei den Anliegen der Menschen beginnen. Nicht zuerst fragen, welche kirchlichen Angebote oder Strukturen erhalten werden sollen. Entscheidend ist, welche Fragen die Menschen vor Ort bewegen – etwa Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit, Frieden oder Zusammenhalt.
2. Zusammenarbeit auf Augenhöhe ermöglichen. Zivilgesellschaftliche Initiativen sind eigenständige Partner, keine bloßen Zuarbeiter kirchlicher Vorhaben. Gemeinsame Ziele, geteilte Verantwortung und gegenseitige Anerkennung bilden die Grundlage tragfähiger Kooperation.
3. Unterschiedliche Formen des Engagements zulassen. Neben langfristigen Aufgaben braucht es zeitlich begrenzte Projekte, einmalige Mitwirkung und flexible Beteiligungsmöglichkeiten. Engagement darf nicht grundsätzlich an Kirchenmitgliedschaft oder feste Gremien gebunden sein.
4. Vernetzung als Stärke begreifen. Kooperation mit Umwelt- und Sozialinitiativen, Bildungseinrichtungen, Kommunen und anderen Akteuren erweitert die gesellschaftliche Reichweite. Unterschiedliche Perspektiven und Kompetenzen werden zu einer gemeinsamen Ressource.
5. Ermöglichungsräume schaffen. Kirche kann Räume, Kontakte, Wissen und Netzwerke zur Verfügung stellen. Dafür braucht es verlässliche Ansprechpersonen, transparente Entscheidungen und echte Handlungsspielräume – ohne Engagierte mit unklaren Aufgaben oder übermäßiger Bürokratie zu belasten.
6. Wirkung statt bloßer Aktivität bewerten. Nicht allein die Zahl kirchlicher Veranstaltungen oder besetzter Ehrenämter sollte zählen. Entscheidend ist auch, ob Menschen erreicht, gesellschaftliche Herausforderungen bearbeitet und Lebensbedingungen im Sozialraum verbessert werden.
Vom Verwalten zum Ermöglichen
Die Studie liefert keine einfache Patentlösung für die Zukunft des kirchlichen Ehrenamts. Sie macht aber deutlich, dass eine stärkere Orientierung am Sozialraum und die Zusammenarbeit mit kirchlichen wie nichtkirchlichen Akteuren wichtige Ansatzpunkte sind.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur: Wie können zivilgesellschaftliche Initiativen stärker in kirchliche Strukturen eingebunden werden? Ebenso wichtig ist: Wie kann die verfasste Kirche selbst zu einer offenen, verlässlichen und gut vernetzten Partnerin im Gemeinwesen werden?
CC4F kann dafür ein Lernfeld sein. Wenn Kirche gesellschaftliche Anliegen ernst nimmt, Eigenständigkeit respektiert und Zusammenarbeit ermöglicht, kann sie Menschen auch jenseits enger kirchlicher Bindungen erreichen. So wird Schöpfungsverantwortung nicht nur zum kirchlichen Thema, sondern zum gemeinsamen Auftrag im Leben vor Ort.
FJ Klausdeinken
6 starke Thesen zum Ehrenamt
aus der aktuellen Arbeitshilfe „Engagement als Zukunftskraft
in Kirche und Gesellschaft“, herausgegeben am 22. Mai 2026 von der
Deutschen Bischofskonferenz (DBK)
- Ehrenamtliche sind keine Lückenbüßer
- Der eigentliche Mehrwert liegt in der Taufwürde und den Charismen der Laien
- Die Rolle der Hauptberuflichen verändert sich
- Engagement braucht Mitentscheidung
- Eine engagementfreundliche Kirche denkt über die Binnenkirche hinaus
- Gute Engagemententwicklung braucht Ressourcen
Quelle: Das Ehrenamt ist eine Zukunftskraft, S. 14-15; wirzeit_03-2026, ErzB PB