Ein Kommentar anlässlich der Münchner Sicherheitskonferenz
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Gerechtigkeit, Anerkennung, Versöhnung und gegenseitige Achtung
Kirchen und Religionsgemeinschaften spielen traditionell eine zentrale Rolle im Friedensdiskurs: Sie erinnern an die Würde jedes Menschen, betonen die gemeinsame Herkunft aller Völker aus der einen göttlichen Schöpfung und sprechen ethische Maßstäbe aus, die das politische und wirtschaftliche Handeln hinterfragen. In diesem Horizont verstanden ist Frieden mehr als die bloße Abwesenheit von Krieg – er ist ein Zustand, in dem Gerechtigkeit, Anerkennung, Versöhnung und gegenseitige Achtung verwirklicht sind.
Aus der Sicht der Kirchen hat jede Krise eine spirituelle Komponente: Hass, Egoismus, Machtstreben und materielle Gier blockieren den Weg zu echter Versöhnung. Die christliche Botschaft Jesu Christi, die in Nächstenliebe, Barmherzigkeit und Feindesliebe ihren Kern findet, bildet die ethische Grundlage für Friedensethik und Friedenshandeln. Christen sind aufgerufen, sowohl im eigenen Leben den Frieden zu verwirklichen als auch in der Gesellschaft Einfluss auf Strukturen zu nehmen, die Frieden fördern oder zerstören.
Papst Leo XIV.: Kritik an Macht- und Militärstrategien
Ein aktuelles Beispiel für diese kirchliche Friedensethik liefert Papst Leo XIV.: In seinen jüngsten Worten beim Mittagsgebet auf dem Petersplatz stellte er klar, dass „die Strategien der wirtschaftlichen und militärischen Macht … der Menschheit keine Zukunft bieten“. Er verband diesen Gedanken mit dem Aufruf zum Gebet und zum Einsatz für den Frieden als zentrale Aufgabe der Christen. Für Leo XIV. liegt die Zukunft im Respekt und der Geschwisterlichkeit zwischen den Völkern, nicht in der Einübung von Macht oder in Gewaltlogiken.
Diese Perspektive zielt nicht nur auf die moralische Ablehnung von Gewalt, sondern auf eine tiefe Umkehr des Denkens, die sowohl persönliche Haltungen als auch internationale Beziehungen umfasst. Die Kirche sieht in Waffen- und Machtstrategien keine Lösung, sondern eine Verstärkung der Ursachen von Leid und Konflikt. Stattdessen plädiert der Papst für eine Kultur des Dialogs, der Versöhnung und der Bereitschaft, die Würde jedes Menschen zu achten – als Kernbestandteile einer stabilen, friedvollen Weltordnung.
Mehr lesen auf www.vaticannews.va: Militärische Strategien bieten Menschheit keine Zukunft (Link)
Die EKD-Friedensdenkschrift 2025: Gerechter Frieden im Blick
Ein ähnliches Grundmuster findet sich in der aktuellen Friedensdenkschrift der Evangelische Kirche in Deutschland (EKD): Unter dem Titel „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick“ wird die Verantwortung christlicher Friedensethik für die Gegenwart reflektiert. Die Denkschrift setzt sich mit der Realität zunehmender Konflikte, neuer Waffentechnologien, hybrider Kriegsführung und der Klimakrise auseinander – und sucht zugleich Wege, wie christlicher Glaube und politische Verantwortung zusammengedacht werden können.
Im Zentrum steht dabei das Leitbild des „gerechten Friedens“: Frieden wird verstanden als ein Prozess, in dem Gewalt abnimmt und Gerechtigkeit zunimmt. Dieser Prozess ist nicht einfach durch das Ende von Kriegen zu erreichen, sondern durch eine gerechte Ordnung, in der Menschenrechte geachtet und Konflikte gewaltfrei gelöst werden. Die EKD betont, dass Frieden mehr ist als Abwesenheit von Krieg und dass er eingebettet ist in soziale Gerechtigkeit, Schutz und Sicherheit für alle.
Die Denkschrift bewegt sich theologisch zwischen dem Ideal der Gewaltfreiheit und der Anerkennung staatlicher Schutzpflichten. Sie benennt die Spannung zwischen christlichem Friedensideal und politischer Verantwortung und sucht differenzierte ethische Orientierungspunkte, auch für kontroverse Fragen wie die Rolle von Militär in Ausnahmesituationen.
Mehr lesen auf www.ekd.de: Die Friedensdenkschrift der EKD 2025 (Link)
Friedensethik konkret: von persönlicher Umkehr zu gesellschaftlicher Transformation
Aus kirchlicher Sicht reicht Frieden nicht nur von Staat zu Staat. Er beginnt im Herzen des Einzelnen: im Verzicht auf Gewalt, im Streben nach Vergebung, im Hören auf den anderen und im Einsatz für Gerechtigkeit. Ausgehend von dieser inneren Dimension zielt eine gerechte Weltordnung darauf ab:
- Gewaltfreie Konfliktlösung und konsequente Abrüstung,
- Solidarität mit den Armen und Verwundeten sowie Schutz von Menschenrechten,
- gerechte wirtschaftliche Strukturen, die nicht auf Ausbeutung oder Konkurrenz beruhen,
- Völkerrecht und internationale Kooperation als tragende Säulen einer friedlichen Ordnung.
Papst Leo XIV. und die EKD-Denkschrift zeigen, dass Christen in Politik und Gesellschaft nicht nur moralische Prinzipien vertreten, sondern auch konkrete politische und ethische Fragen angesichts realer Bedrohungen reflektieren. Beide betonen, dass Frieden aktive, beständige Arbeit erfordert – in persönlichen Beziehungen, in Gemeinden und in internationalen Beziehungen.
Fazit: Eine Weltordnung in Frieden
Eine friedvolle Weltordnung entsteht nicht durch Machtstrategien oder militärische Dominanz, sondern durch eine Ethik des Respekts, der Gerechtigkeit und des Dialogs. Kirchen stehen in dieser Perspektive nicht am Rand der Debatte, sondern im Zentrum: Sie bringen eine tief verwurzelte Vision von Frieden ein, die sowohl spirituelle Tiefe als auch praktische Verantwortung umfasst. Sie fordert die politische Gemeinschaft heraus, nicht nur auf politische Interessen zu reagieren, sondern auf die Grundwerte der Menschenwürde, der Solidarität und des gerechten Friedens zu achten.
Angesichts globaler Herausforderungen – Kriege, Ungleichheit, Klimakrise – bleibt die Botschaft deutlich: Frieden ist möglich, wenn Menschen und Gesellschaften den Mut haben, Macht durch Mitmenschlichkeit, Gewalt durch Dialog und Selbstinteresse durch Gerechtigkeit zu ersetzen. In dieser Perspektive offenbaren Kirchen nicht nur ein Ideal, sondern eine konkrete ethische Orientierung für eine gerechte und friedvolle Weltordnung.

Fake News als Waffe: Kirchen warnen vor Desinformation
Kurz vor dem Start der diesjährigen Sicherheitskonferenz in München, die vom 13. bis 15. Februar 2026 stattfindet und wieder zentrale Vertreter aus Politik, Diplomatie und Sicherheitspolitik versammelt, haben kirchliche Akteure vor den Gefahren von Desinformation gewarnt.
Für die Kirchen ist die Auseinandersetzung mit falschen oder manipulativen Informationen keine randständige Debatte, sondern ein gesellschaftlich bedeutender Beitrag zur Stärkung demokratischer Strukturen und zur Wahrung eines faktenbasierten politischen Diskurses. In mehreren Erklärungen und Stellungnahmen betonen christliche Organisationen, wie wichtig es sei, die Öffentlichkeit für die Mechanismen und Auswirkungen von gezielter Desinformation zu sensibilisieren und gleichzeitig klar Position gegen Täuschung, Polarisierung und gezielte Manipulation zu beziehen.
Die Kirchenvertreter verweisen dabei insbesondere auf die veränderte Sicherheitslage in Europa, in der nicht nur klassische militärische Bedrohungen diskutiert werden, sondern auch sogenannte hybride Gefahren – also Mischformen aus Cyberangriffen, Propaganda und gezielten Falschinformationen, die demokratische Prozesse untergraben können. Auch die jüngsten Publikationen zum Thema zeigen, dass Desinformationskampagnen in vielen Staaten als ernstzunehmender Faktor für gesellschaftliche Spannungen und politische Unsicherheit wahrgenommen werden.
Im Kontext der Münchner Sicherheitskonferenz verstärken diese kirchlichen Warnungen einen breiteren Diskurs über die Bedeutung von Resilienz in demokratischen Gesellschaften. Die Konferenz selbst steht in diesem Jahr unter dem Eindruck weitreichender geopolitischer Unsicherheiten und der Frage, wie westliche Demokratien mit einer multiplen Bedrohungslage – von militärischer Aggression über wirtschaftliche Konkurrenz bis zu Informationsmanipulation – umgehen sollen.
Kirchliche Stimmen fordern dabei nicht nur einen reflektierten und kritischen Umgang mit digitalen Medieninhalten, sondern auch institutionelle Maßnahmen – etwa eine stärkere Förderung von Medienkompetenz, klare Regularien für Plattformbetreiber und eine breite gesellschaftliche Debatte über die ethischen Grundlagen von Information und Öffentlichkeit. Dies solle dazu beitragen, die demokratische Diskussionskultur zu stabilisieren und gegen gezielte Desinformationskampagnen immuner zu machen.
Insgesamt zeigen die Warnungen der Kirchen, dass die Auseinandersetzung mit Desinformation längst nicht mehr ein rein technisches oder medienpolitisches Thema ist, sondern als Teil der sicherheitspolitischen Agenda verstanden wird – gerade vor dem Hintergrund, dass geopolitische Akteure vermehrt versuchen, über hybride Strategien Einfluss auf öffentliche Meinungen und politische Entscheidungen zu nehmen.
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