Ein Experiment zur politischen Imagination

Stadtbilder sind nicht nur Kulissen unseres Alltags, sondern Ausdruck politischer Leitlinien, sozialer Orientierungen und infrastruktureller Prioritäten. Doch wie sähe unsere Stadt aus, wenn die Visionen politischer Parteien konsequent umgesetzt würden? Genau diese Frage hat das Institut für Demokratie und Künstliche Intelligenz (IDemKI) aus Tübingen mit einem kreativen, medienkritischen Projekt beantwortet – mittels künstlicher Intelligenz (KI).
Vom Wahlprogramm zum visualisierten Zukunftsbild
Im Zentrum des Projektes stand die Idee, die Wahlprogramme der Parteien, die für die Bundestags- und die Landtagswahl in Baden-Württemberg relevant sind, visuell zu interpretieren. Die KI generierte für jede Partei ein eigenes „Stadtbild der Zukunft“, also ein Wimmelbild, das eine hypothetische urbane Welt zeigt, in der 100 % der jeweiligen Programminhalte realisiert wurden.
Solche Bilder sind keine Prognosen, sondern künstlerische und analytische Interpretationen: Sie visualisieren abstrakte politische Forderungen als städtischen Raum – und laden dazu ein, tiefer über die Implikationen politischer Programme nachzudenken.
Politische Vielfalt im urbanen Spiegel
Durch die Generierung verschiedener Stadtszenarien wird sichtbar, wie stark sich politische Leitbilder auf Gestalt, Atmosphäre und Funktionalität urbaner Räume auswirken könnten:
- Für ökologisch orientierte Programme (z. B. Grüne oder SPD) ergeben sich tendenziell begrünte urbane Landschaften mit nachhaltiger Mobilität und Wasserwegen.
- Liberale Konzepte (z. B. FDP) zeigen häufig stark vernetzte, digitalisierte Zentren mit technikaffiner Infrastruktur.
- Konservative oder national ausgerichtete Programme (z. B. AfD) resultieren in weniger Grünflächen, ausgedehnteren Autostraßen und industriellen Sektoren im Stadtbild.
Diese visuellen Übersetzungen machen greifbar, was in Wahlprogrammen oft nur als Text oder Schlagwort erscheint – und eröffnen eine Diskussionsfläche zwischen politischer Programmatik und urbaner Lebenswelt.
KI als Instrument der demokratischen Reflexion
Die KI-Visualisierungen des IDeMKI-Projekts dienen nicht nur dem Augenschein: Sie sind Werkzeuge für politische Bildung und demokratische Diskussion. Denn traditionelle politische Kommunikation rückt oft auf textliche Versprechen, während das räumliche und alltagsweltliche Potenzial politischer Entscheidungen – etwa in Bezug auf Mobilität, Wohnen oder Umwelt – abstrakt bleibt. Die KI hilft, genau diese Lücke zu schließen und Erfüllungsbilder politischer Ideen sichtbar zu machen.
Eine der zentralen Chancen dieser Methodik ist die niedrigschwellige Zugänglichkeit: Solche urbanen Visualisierungen können auch Menschen erreichen, die sich sonst eher schwer mit komplexen Programminhalten auseinandersetzen. Visualisierungen regen an, Fragen zu stellen wie:
- Was heißt „klimagerechte Stadtentwicklung“ konkret für Architektur und Verkehr?
- Welche Infrastruktur entsteht, wenn Wirtschaftsfreiheit oder soziale Daseinsvorsorge im Zentrum politischer Programme stehen?
Kritische Perspektiven: Zwischen Fiktion und Interpretation
Natürlich bleibt festzuhalten, dass KI-Bilder keine exakten Vorhersagen darstellen. Sie sind vielmehr künstliche Konstruktionen, die von Modellparametern, Trainingsdaten und Interpretationsalgorithmen abhängen. Die Bilder müssen im Kontext ihrer methodischen Grenzen und künstlerischen Freiheit gesehen werden – sie zeigen Möglichkeiten, keine Garantien. Dennoch geben sie einen anschaulichen Einstieg in politische Debatten über städtisches Leben und Zukunftsentwürfe.
Fazit
Das Projekt des IDeMKI zeigt: Stadtbilder sind nicht nur architektonische Kompositionen, sondern politisch kodierte Visionen. KI kann hier als Brücke dienen – zwischen Programmtiefe und urbaner Vorstellungskraft. Durch die Visualisierung parteipolitischer Leitlinien wird nicht nur sichtbar, wie unterschiedlich politische Zukunftsentwürfe aussehen, sondern auch, wie stark sie unsere Alltagsumwelt formen könnten. Gerade in Wahljahren kann ein solcher Zugang dazu beitragen, politische Entscheidungen und ihre räumlichen Konsequenzen in den Blick der Öffentlichkeit zu rücken.
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Politik im Wimmelbild
Die sechs entstandenen Bilder – für CDU, FDP, SPD, Linke, AfD und Grüne – wirken auf den ersten Blick wie Spielereien. Doch nach dem ersten Eindruck lohnt sich das genauere Hinsehen. Bei Wimmelbildern offenbaren sich Details erst auf den zweiten oder dritten Blick.
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