Kommentar zu den Prozessen von FJ Klausdeinken

Kirchliche Gebäude sind mehr als Mauern. Sie können Orte sein, an denen Gemeinschaft wächst, Talente entdeckt werden und das Zusammenleben neue Impulse erhält. Die Immobilienstrategie bietet die Chance, Kirche und ihre gesellschaftliche Verantwortung neu zu denken.
Nicht nur Gebäude verwalten, sondern Zukunft gestalten
Kirche besitzt zahlreiche Immobilien: Kirchen, Pfarrheime, Gemeindezentren und weitere Gebäude. Manche sind wichtige Orte des Glaubens und der Begegnung. Andere werden wenig genutzt, stehen zeitweise leer oder benötigen erhebliche Investitionen.
Steigende Baukosten, Instandhaltungsbedarf und knapper werdende Mittel machen es notwendig, den Gebäudebestand kritisch zu überprüfen. Eine Immobilienstrategie ist deshalb sinnvoll. Nicht jedes Gebäude lässt sich dauerhaft erhalten. Doch wer Immobilienstrategien ausschließlich als Sparprogramme versteht, greift zu kurz.
Es geht nicht allein darum, welche Gebäude aufgegeben werden müssen. Es geht darum, welche Aufgaben Kirche künftig wahrnehmen will – und welche Orte sie dafür braucht. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Wie viele Quadratmeter können wir uns noch leisten?
Sondern: Wie können wir mit unseren Immobilien die Gesellschaft weiterentwickeln?
Vom Sozialraum auf den eigenen Kirchturm schauen
Kirchliche Gebäude stehen mitten in den Lebenswelten der Menschen. Dort gibt es Einsamkeit, Unterstützungsbedarf für Familien, fehlende Freiräume für Jugendliche und den Wunsch nach Begegnung. Zugleich engagieren sich Vereine, Initiativen und soziale Einrichtungen für ein lebendiges Gemeinwesen. Oft fehlt ihnen ein geeigneter Ort.
Kirchliche Immobilien können hier neue Bedeutung gewinnen. Welche Räume werden gebraucht? Welche Angebote fehlen im Quartier? Mit wem können Kirchengemeinden kooperieren? Wo können Räume für soziale Initiativen, Kultur, Bildung, Beratung oder Begegnung geöffnet werden?
Nicht jede gesellschaftliche Aufgabe muss Kirche selbst organisieren. Aber sie kann Räume bereitstellen, Menschen zusammenbringen und Kooperationen ermöglichen.
So wird aus einem Gebäude, das vor allem verwaltet wird, möglicherweise ein Ort, an dem Zukunft entsteht.
Fest gemauert oder Talentschuppen?
Das Bild des fest gemauerten Gebäudes steht für Sicherheit, Beständigkeit und Tradition. Kirchen stiften Identität, bewahren Erinnerungen und geben Menschen Heimat. Doch ein Gebäude allein macht noch keine lebendige Kirche.
Ein Talentschuppen ist ein Ort, an dem Menschen ihre Fähigkeiten entdecken und einbringen, Ideen wachsen und unterschiedliche Menschen zusammenkommen können.
Ein anschauliches Beispiel ist die Soester Kirche Alt St. Thomä, der „Schiefe Turm“. Ein bürgerschaftlich entstandener Initiativkreis möchte dem historischen Kirchenraum eine würdevolle Nachnutzung ermöglichen. Eine Initiativwoche macht seine vielfältigen Talente erlebbar: von Musik und Kunst über Meditation bis zu philosophischen Gesprächen und einer Trauerwerkstatt. Dabei zeigt sich, dass der Raum auch Menschen anspricht, die nicht aus religiösen Gründen kommen. Stille, besondere Akustik und gemeinschaftliche Erfahrungen eröffnen neue Zugänge. Der Initiativkreis lädt weitere Menschen ein, Ideen für die Zukunft des Gebäudes einzubringen.
Das Beispiel zeigt: Eine neue Nutzung beginnt nicht unbedingt mit einem fertigen Konzept, sondern mit Menschen, die Potenziale entdecken und gemeinsam etwas ausprobieren.
Warum sollten kirchliche Immobilien nicht beides sein: Orte, die Heimat geben, und zugleich Räume, die Neues ermöglichen? Das kann durch gemeinsame Nutzungen, neue Kooperationen oder veränderte Nutzungskonzepte gelingen. Manchmal kann es auch sinnvoll sein, sich von einem Gebäude zu trennen, um an anderer Stelle mehr zu bewirken.
Entscheidend ist nicht, möglichst viele Gebäude zu behalten. Entscheidend ist, dass kirchliche Ressourcen möglichst viel Gutes bewirken.
Eigentum verpflichtet – auch die Kirche
Artikel 14 des Grundgesetzes bringt es auf den Punkt: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“
Auch kirchliches Eigentum ist nicht nur Vermögen, das erhalten und verwaltet werden muss. Es ist eine Ressource, mit der Kirche Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen kann.
Natürlich müssen kirchliche Träger wirtschaftlich handeln. Doch bei Immobilienentscheidungen sollten nicht allein Kosten, Auslastung und baulicher Zustand zählen. Ebenso wichtig ist die Frage: Was gewinnen die Menschen, wenn wir einen Ort erhalten, öffnen, verändern oder neu nutzen? Was geht verloren, wenn wir ihn aufgeben? Welche Alternativen gibt es?
Der Maßstab sollte nicht allein der Wert eines Gebäudes sein, sondern auch sein Wert für die Menschen.
Beteiligung ist mehr als Information
Eine tragfähige Immobilienstrategie entsteht nicht am Schreibtisch allein. Sie braucht die Erfahrungen und Ideen der Menschen, die kirchliche Gebäude nutzen, sich dort engagieren. Wichtig sind auch die Bedarfe der Menschen, die in der Nachbarschaft leben. Gerade ihre Perspektiven können neue Einsichten eröffnen, welche Orte im Stadtteil fehlen.
Deshalb muss Beteiligung frühzeitig beginnen – bevor wesentliche Entscheidungen bereits vorbereitet oder faktisch vorweggenommen wurden.
Es reicht nicht, Menschen über Pläne zu informieren, wenn ihre Beiträge anschließend folgenlos bleiben. Echte Beteiligung bedeutet, dass Menschen ihre Perspektiven einbringen, Alternativen mitentwickeln und Einfluss auf Entscheidungen nehmen können.
Dafür braucht es transparente Informationen, nachvollziehbare Kriterien und klare Aussagen darüber, was noch offen ist. Ebenso wichtig ist eine Rückmeldung: Welche Vorschläge wurden aufgegriffen? Welche nicht – und warum?
Beteiligung bedeutet nicht, dass am Ende alle Wünsche erfüllt werden. Sie bedeutet, dass niemand von vornherein ausgeschlossen wird und Entscheidungen nachvollziehbar begründet werden. So entstehen bessere Lösungen und Vertrauen in den gemeinsamen Prozess.
Erst die Ziele, dann die Gebäude
Ein zukunftsfähiger Immobilienstrategieprozess braucht eine klare Reihenfolge:
- Bedarfe erkennen: Was brauchen die Menschen in den unterschiedlichen Sozialräumen?
- Ziele gemeinsam entwickeln: Welche pastoralen und gesellschaftlichen Aufgaben will Kirche künftig übernehmen?
- Möglichkeiten prüfen: Welche Kooperationen, gemeinsamen Nutzungen und neuen Konzepte sind denkbar?
- Immobilien danach ausrichten: Welche Gebäude werden gebraucht, welche müssen verändert werden und wo ist eine Trennung sinnvoll?
Wer mit einer Reduzierungsquote oder einer Liste vermeintlich entbehrlicher Gebäude beginnt, riskiert, die eigentlichen Chancen aus dem Blick zu verlieren. Wer dagegen zunächst die Ziele klärt, kann auch schwierige Entscheidungen besser begründen.
Dann geht es nicht um den Kampf um einzelne Gebäude, sondern um die gemeinsame Verantwortung für eine lebendige Kirche und einen lebenswerten Sozialraum.
Eine Chance, die wir nutzen sollten
Die Immobilienstrategie ist mehr als eine Reaktion auf knappe Kassen und einen wachsenden Investitionsstau. Sie kann zum Ausgangspunkt einer inhaltlichen Erneuerung werden. Dafür müssen wir Gewohntes hinterfragen, neue Partnerschaften eingehen und auch lieb gewonnene Strukturen verändern – ohne die Menschen aus dem Blick zu verlieren, für die kirchliche Gebäude Heimat bedeuten.
Unser Appell: Denken wir kirchliche Immobilien vom Menschen und vom Sozialraum her! Beteiligen wir die Menschen frühzeitig und auf Augenhöhe. Machen wir Informationen transparent, ermöglichen wir echte Mitwirkung und öffnen wir Räume für neue Ideen.
Das Beispiel Alt St. Thomä zeigt, welches Potenzial entsteht, wenn Menschen sich engagieren, Talente entdecken und gemeinsam nach einer Zukunft für einen Ort suchen.
Fragen wir deshalb nicht nur, welche Mauern wir erhalten können. Fragen wir, welche Orte wir brauchen, damit Menschen zusammenkommen, Talente wachsen und unsere Gesellschaft solidarischer wird.
Denn die Zukunft der Kirche entscheidet sich nicht allein daran, wie viele Gebäude sie besitzt. Sie entscheidet sich daran, was sie gemeinsam mit den Menschen aus ihren Möglichkeiten macht.
FJ Klausdeinken, CC4F Soest
