Prophetisch sein. Anders leben. Nichts haben. Alles geben.

800 Jahre Franz von Assisi – und eine Frage, die uns heute trifft

Vor 800 Jahren starb Franz von Assisi. 800 Jahre – eine lange Zeit. Und doch wirkt vieles von dem, was Franziskus bewegte, erstaunlich gegenwärtig.

Franziskus stammte aus wohlhabendem Hause. Er hätte ein Leben in Sicherheit und Wohlstand führen können. Stattdessen entschied er sich für Armut, Einfachheit und ein Leben an der Seite der Menschen am Rand der Gesellschaft. Er wollte nicht nur über eine bessere Welt reden. Er wollte anders leben.

Sein Blick auf die Schöpfung war dabei kein romantischer Ausflug ins Grüne. Sonne, Wasser, Erde, Tiere und Menschen gehörten für ihn zusammen. Die Schöpfung war nicht Besitz, sondern Geschenk und Mitwelt. Franziskus nannte Sonne, Mond, Wasser und Erde seine Geschwister.

Was würde Franz von Assisi heute sagen?

Vielleicht würde er ziemlich unbequem werden.

In einer Welt des Überflusses, in der wir mehr verbrauchen, als die Erde dauerhaft hergibt, würde er vermutlich fragen: Wie viel brauchen wir wirklich? Und wem gehört eigentlich das, was wir besitzen?

Er würde vielleicht auch dorthin gehen, wo Menschen unter den Folgen unseres Lebensstils leiden: zu Menschen, die ihre Heimat durch Klimaveränderungen verlieren, zu den Armen, die steigende Preise und zunehmende Krisen besonders treffen, oder zu den kommenden Generationen, die mit unseren heutigen Entscheidungen leben müssen.

Franziskus wäre damit nicht einfach ein Heiliger aus vergangenen Zeiten. Er könnte zu einer prophetischen Stimme werden.

Prophetisch sein bedeutet dabei nicht, die Zukunft vorherzusagen. Prophetinnen und Propheten schauen genau hin. Sie benennen, was nicht stimmt. Sie sprechen aus, was andere lieber verdrängen. Und sie zeigen zugleich Wege auf, die Hoffnung eröffnen.

Vielleicht ist genau das heute eine der wichtigsten Aufgaben von Christinnen und Christen:

hinsehen – widersprechen – aufbrechen – Hoffnung geben.

Franz von Assisi hat nicht darauf gewartet, dass sich die Welt verändert. Er hat bei sich selbst angefangen. Er hat Besitz losgelassen, Beziehungen neu geknüpft und sich auf Menschen und auf die Schöpfung eingelassen.

Das macht ihn auch 800 Jahre später interessant.

Prophetisch sein – mitten in Soest

Auch bei uns braucht es Menschen, die den Mut haben, Fragen zu stellen, die unbequem sind:

Wie wollen wir in unserer Stadt leben, wenn Hitze, Starkregen und andere Folgen der Klimaveränderung zunehmen?

Was bedeutet Wohlstand, wenn gleichzeitig Menschen weltweit unter den Folgen unseres Konsums leiden?

Wie können wir unsere Stadt so verändern, dass gutes Leben nicht auf Kosten anderer und der kommenden Generationen geht?

Und welche Rolle kann Kirche dabei spielen?

Prophetisch sein heißt: nicht einfach weitermachen, nur weil es immer so war.

Es heißt, die Wirklichkeit wahrzunehmen und aus dem Glauben heraus den Finger auf die offenen Fragen unserer Zeit zu legen. Nicht besserwisserisch, sondern mutig. Nicht gegen Menschen, sondern für das Leben.

Franz von Assisi hat vorgemacht, dass Veränderung manchmal mit einem einfachen Schritt beginnt: anders leben, anders denken, anders miteinander umgehen.

Vielleicht brauchen wir deshalb heute nicht weniger Franziskus, sondern mehr Menschen, die sich von ihm anstecken lassen.

Menschen, die sagen: Wir können reden. Wir werden reden. Wir müssen reden.

Und vor allem: Menschen, die anfangen, danach zu handeln.

800 Jahre Franz von Assisi sind dann keine Erinnerung an einen Heiligen von gestern. Sie werden zu einer Einladung, heute selbst ein wenig prophetisch zu sein.