Welche Rolle spielen Schöpfungsverantwortung und Klimagerechtigkeit für den Hildesheimer Bischof?

Mit der Wahl von Heiner Wilmer zum Vorsitzenden der Deutsche Bischofskonferenz rückt ein Bischof an die Spitze der katholischen Kirche in Deutschland, der sich in den vergangenen Jahren deutlich zu Fragen sozialer und ökologischer Gerechtigkeit positioniert hat. Für Akteure der Klimabewegung lohnt daher ein genauer Blick auf sein Profil – insbesondere im Hinblick auf Klimagerechtigkeit – sowie auf die strukturelle Aufstellung des Bistum Hildesheim.
Klimagerechtigkeit als Teil kirchlicher Soziallehre
Wilmer hat in verschiedenen kirchlichen Funktionen – unter anderem als Vorsitzender der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen der DBK – wiederholt betont, dass ökologische Krisen nicht isoliert betrachtet werden dürfen. Der Klimawandel ist für ihn nicht nur eine Umweltfrage, sondern eine Gerechtigkeitsfrage.
In der Tradition der katholischen Soziallehre knüpft er dabei an die Enzyklika Laudato si’ von Papst Franziskus an. Diese beschreibt die ökologische Krise als Ausdruck einer umfassenden sozialen Schieflage: Die Hauptverursacher der Emissionen sitzen im globalen Norden, während die gravierendsten Folgen häufig den globalen Süden treffen. Klimaschutz wird damit zur Frage globaler Solidarität.
Wilmer spricht in diesem Zusammenhang von „Schöpfungsverantwortung“ – ein theologischer Begriff, der die Bewahrung natürlicher Lebensgrundlagen als integralen Bestandteil christlicher Existenz versteht. Klimagerechtigkeit bedeutet aus dieser Perspektive:
- Schutz vulnerabler Bevölkerungsgruppen
- Intergenerationelle Verantwortung
- Verbindung von ökologischer Transformation und sozialer Absicherung
- Politische Rahmenbedingungen, die strukturelle Emissionsminderungen ermöglichen
Seine Argumentation folgt damit keinem rein moralischen Appell, sondern einer sozialethischen Systemperspektive.
Das Bistum Hildesheim: Strukturelle Verankerung von Klimaschutz – Klimaneutralität bis 2035
Die Positionierung WIlmers spiegelt sich auch in der strategischen Ausrichtung seines Bistums wider. Das Bistum Hildesheim verfolgt mit dem Prozess „Schöpfungsgerecht 2035“ ein klar formuliertes Ziel: die deutliche Reduktion der CO₂-Emissionen und eine perspektivische Klimaneutralität bis 2035.
Zentrale Elemente sind:
1. Institutionalisierter Klimaschutz
Ein eigenes Umwelt- und Klimaschutzteam koordiniert Maßnahmen in den Bereichen Energie, Gebäudemanagement, Mobilität und Biodiversität.
2. Immobilien- und Strukturreform mit Nachhaltigkeitskriterien
Im Rahmen pastoraler und struktureller Neuordnungen werden ökologische Standards verbindlich berücksichtigt – etwa bei energetischer Sanierung oder Flächennutzung.
3. Bewusstseinsbildung und Beteiligung
Initiativen wie Klimafasten, Bildungsangebote und Kooperationen mit kirchlichen Gremien sollen Gemeinden aktiv einbinden und Verhaltensänderungen unterstützen.
4. Ethische Leitlinien
Die diözesanen Umweltleitlinien definieren Klimaschutz ausdrücklich als moralische Verpflichtung gegenüber heutigen und zukünftigen Generationen.
Damit bewegt sich das Bistum nicht ausschließlich auf der Ebene symbolischer Bekenntnisse, sondern implementiert organisatorische Steuerungsinstrumente.
Einordnung aus klimapolitischer Perspektive
Aus Sicht der Klimagerechtigkeitsbewegung lässt sich festhalten:
- Wilmer vertritt eine theologisch begründete, sozialethisch fundierte Position, die Klimaschutz klar mit globaler Gerechtigkeit verknüpft.
- Sein Bistum verfügt über konkrete Transformationsprozesse und Zielmarken.
- Die Herausforderung bleibt – wie bei allen großen Organisationen – die konsequente Umsetzung und die Frage nach politischer Einflussnahme auf Bundes- und EU-Ebene.
Mit Wilmer an der Spitze der DBK besteht die Möglichkeit, dass Fragen der Klimagerechtigkeit stärker in kirchliche Stellungnahmen und gesellschaftspolitische Debatten eingebracht werden. Entscheidend wird sein, ob daraus auch klare politische Forderungen nach struktureller Dekarbonisierung und sozial gerechter Transformation erwachsen.
Für zivilgesellschaftliche Akteure – auch im kirchennahen Umfeld – eröffnet sich damit ein relevantes Dialogfeld zwischen Glauben, Ethik und Klimabewegung.
Ein Kommentar von FJ Klausdeinken