Klimakrise trifft Kirchenstruktur – Nebensache Klimaschutz im Bistum Münster

Stellungnahme der Christians4Future Münster

Mehr als ein Jahr nach Veröffentlichung des Klimaschutzkonzepts des Bistums Münster bleibt die ernüchternde Bilanz: Die bislang ergriffenen Maßnahmen stehen in keinem angemessenen Verhältnis zur Dringlichkeit der Klimakrise. Sie unterschreiten sogar das im Konzept selbst abgelehnte „Trendszenario“, das die „Einhaltung der Pariser Klimaziele und die Erreichung einer klimagerechten Welt“ verfehlt und zudem rechtliche Risiken ab 2045 birgt (Klimaschutzkonzept, S. 76–78 & 96). CO₂-Einsparungen? – Bislang nicht belegbar.

Bereits im Februar 2025 haben wir als C4F Münster auf grundlegende Defizite hingewiesen. Zwar sind einzelne Fortschritte zu verzeichnen: finanzielle Mittel für Energiemanager*innen und erste Stellenbesetzungen sowie die geplante Evaluation und Weiterentwicklung des Projekts „Zukunft einkaufen“, in dessen Neuausrichtung wir eine Chance für eine stärkere Beteiligung der Kirchengemeinden sehen. Die meisten Maßnahmen bleiben aber bislang fragmentarisch und entfalten kaum strukturelle Wirkung in Pfarreien, Verbänden, Schulen und anderen Institutionen. Sie können nicht darüber hinwegtäuschen, dass es dem Bistum bislang nicht gelingt, Klimaschutz als ein handlungsleitendes Prinzip institutionell zu verankern.

Systemisches Steuerungs- und Governance-Problem

Zentral ist ein grundlegendes Steuerungsdefizit: Es fehlen verbindliche Zielvorgaben und durchsetzbare Instrumente. Das Klimaschutzkonzept enthält keine tragfähige Umsetzungsstrategie. Die bestehenden Lücken sind so gravierend, dass für den NRW-Teil des Bistums 2026 weitere Strategieentwicklungen angekündigt sind (vgl. Homepage des Sachgebiets Umwelt und Klima des Bistums). Klimaschutzmaßnahmen bleiben überwiegend optionale Empfehlungen, statt einen verpflichtenden Rahmen für kirchliches Handeln vorzugeben. Für das Offizialat Vechta gibt es immer noch kein Klimaschutzkonzept.

Die Diskrepanz zwischen Anspruch und Umsetzung verweist auf ein strukturelles Governance-Problem: Klimaschutz wird als nachrangige Querschnittsaufgabe behandelt, nicht als ein Entscheidungsmaßstab. Exemplarisch zeigt das die neue Handreichung „Basiswissen Kirchenvorstände“: Auf über 200 Seiten rechtlicher und organisatorischer Regelungen finden sich im hinteren Teil bloß drei bunte Seiten zum Thema „Umwelt, Klima und Schöpfungsbewahrung“ ohne verbindliche Vorgaben.

Der Gebäudebereich als zentrale Leerstelle

Mit rund 65 % der Emissionen ist der Gebäudebereich der größte Verursacher im Bistum. Bereits diese Zahl ist beschönigend, da relevante Bereiche ausgeklammert sind (vgl. Stellungnahme 12.03.2025). Umso gravierender ist es, dass bis heute keine konsistente Strategie zur Emissionssenkung im Gebäudebereich vorliegt. Die fehlenden Immobilienkonzepte der Kirchengemeinden wirken hier als zentrale Blockade. Die bestehende Organisationsstruktur mit zwei Bauabteilungen führt in Verbindung mit der geringen Reaktionsgeschwindigkeit der beteiligten Institutionen immer wieder faktisch zu einem klimapolitischen Stillstand.

Besonders problematisch ist die wiederkehrende Argumentation, grundlegende Entscheidungen müssten bis zur Ernennung eines neuen Bischofs aufgeschoben werden. Hier wird Verantwortung verschoben, obwohl zentrale Beschlüsse bereits durch den Diözesanrat und die Bistumsleitung getroffen wurden. Diese Verschleppung hat reale finanzielle und klimatische Folgekosten, wie das Klimaschutzkonzept ausführt (S. 96).

Konkrete Folgen: Absenkung von Standards

Die strukturellen Defizite zeigen sich konkret in Bauprojekten vor Ort: So wurde 2025 im Zuge des neuen Anbaus an der Marienschule in Dülmen die ursprünglich geplante geothermische Wärmepumpenlösung am Ende doch um eine Gasheizung ergänzt. Nach mehreren Berichten vorab über die Nachhaltigkeit des Projektes, war davon am Ende keine Rede mehr. Angesichts langfristiger Investitionszyklen ist diese Praxis hochproblematisch: Die heute eingebauten fossilen Heizsysteme stehen 2045 der Klimaneutralität im Weg.

Ohne Verbindlichkeit keine Transformation

Um die strukturellen Defizite zu überwinden, fordern wir, Klimaschutz endlich als verbindlichen Handlungsrahmen zu etablieren. Konkret bedeutet dies:

  • Verbindliche Festschreibung konkreter Zwischenziele der Emissionsreduzierung bis 2030, 2035 und 2040 auf dem Weg zur angestrebten Klimaneutralität bis 2045, auf der Basis des

„Klimaszenarios“ des Klimaschutzkonzeptes

  • Intensive Kommunikation dieser Ziele mit den Kirchenvorständen und Leitungsteams der pastoralen Räume sowie wirksame Anreiz- und Sanktionsmechanismen, um klimaneutrales Handeln nicht nur zu ermöglichen, sondern verbindlich durchzusetzen
  • Systematische Vernetzung und Qualifizierung von Kirchenvorständen, Pfarreiräten und den für den Klimaschutz relevanten Ausschüssen
  • Unterstützung der pastoralen Räume und Kirchengemeinden bei der Erstellung von Immobilienkonzepten sowie bei der Erreichung von (Zwischen-)Zielen zur Emissionsreduzierung
  • Weiterer Ausbau personeller und fachlicher Kapazitäten auf Bistumsebene
  • Entwicklung von Strategien zur Klimaneutralität im emissionsrelevanten Gebäudebereich

Bei einem geplanten Klimaschutzfonds, dessen Veröffentlichung noch immer aussteht, ist es daher zentral, insbesondere Maßnahmen im Gebäudebereich zu fördern: Ohne klare Priorisierung droht die Förderung symbolischer Maßnahmen, während die in nennenswertem Ausmaß CO₂-einsparenden Maßnahmen im Gebäudebereich nur punktuell erfolgen oder verschoben werden.

Wir erinnern daran: Die Klimakrise folgt keiner kirchlichen Prozesslogik. Sie verlangt Entscheidungen unter Zeitdruck und die Bereitschaft, bestehende Strukturen grundlegend zu verändern. Klimaschutz darf dabei nie nur Aufgabe eines kleinen Sachgebietes Umwelt und Klima der Abteilung Weltkirche im Fachbereich Kirche in Gesellschaft in der Bistumsverwaltung sein, sondern eine Frage institutioneller Verantwortung und Glaubwürdigkeit der Gremien und Leitung im Bistum Münster. Auch oder gerade weil viele andere Fragen drängen!

Veröffentlicht auf christians4future.de (url-Link)