verabschiedet am 28. Juli 1951

Am 28. Juli 2026 jährt sich die Verabschiedung der Genfer Flüchtlingskonvention zum 75. Mal. Nach den Erfahrungen von Krieg, Vertreibung und millionenfachem Leid schuf die internationale Staatengemeinschaft 1951 ein Abkommen, das bis heute zu den wichtigsten Errungenschaften des Völkerrechts gehört: Menschen, die aufgrund von Krieg, Verfolgung oder existenzieller Bedrohung fliehen müssen, haben Anspruch auf Schutz.
Dieses Jubiläum fällt in eine Zeit, in der der Flüchtlingsschutz weltweit unter Druck gerät. Die Zahl der Menschen auf der Flucht ist so hoch wie nie zuvor. Gleichzeitig prägen Begriffe wie Abschottung, Grenzsicherung und Rückführung vielerorts die politische Debatte. Dabei droht aus dem Blick zu geraten, worum es im Kern geht: um Menschen, ihre Würde und ihr Recht auf Schutz.
Christliche Sozialethik: Der Mensch steht im Mittelpunkt
Aus christlicher Sicht ist die Genfer Flüchtlingskonvention weit mehr als ein juristisches Regelwerk. Sie entspricht einem grundlegenden ethischen Prinzip: Jeder Mensch besitzt eine unveräußerliche Würde – unabhängig von Herkunft, Religion oder Aufenthaltsstatus.
Die biblische Tradition erinnert immer wieder daran, den Fremden nicht auszugrenzen. Jesus selbst identifiziert sich mit den Schutzbedürftigen: „Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen“ (Mt 25,35). Daraus erwächst ein klarer Auftrag: Christlicher Glaube zeigt sich nicht zuerst in Worten, sondern in der konkreten Solidarität mit Menschen in Not.
Die Prinzipien der katholischen Soziallehre – Personalität, Gemeinwohl, Solidarität und Subsidiarität – sowie die evangelische Sozialethik weisen in dieselbe Richtung. Eine gerechte Gesellschaft misst sich daran, wie sie mit den Schwächsten umgeht.
Die Kirchen mahnen zu Humanität
Kirchliche Hilfswerke und Wohlfahrtsverbände erinnern deshalb zum Jubiläum der Genfer Flüchtlingskonvention daran, dass Flüchtlingsschutz nicht relativiert werden darf.
Misereor macht immer wieder darauf aufmerksam, dass Fluchtursachen wie Armut, Gewalt, Klimakrise und ungerechte Wirtschaftsstrukturen gemeinsam gedacht werden müssen. Wer Flucht wirksam begegnen will, muss Perspektiven in den Herkunftsländern schaffen und internationale Verantwortung übernehmen.
Brot für die Welt und die Diakonie Deutschland betonen, dass die Genfer Flüchtlingskonvention auch nach 75 Jahren ihre Gültigkeit nicht verloren hat. Angesichts weltweit über 118 Millionen Menschen auf der Flucht warnen sie davor, Schutzsuchende zum Gegenstand politischer Abschreckung zu machen. Gemeinsam mit zahlreichen Organisationen setzen sie sich für einen menschenrechtsbasierten Flüchtlingsschutz und gesellschaftlichen Zusammenhalt ein.
Auch der Deutsche Caritasverband bringt sich kontinuierlich in gesellschaftliche Debatten ein und fordert eine Flüchtlingspolitik, die Humanität und Rechtsstaatlichkeit miteinander verbindet. Solidarität mit Menschen am Rand der Gesellschaft gehört zum Kern kirchlichen Handelns.
Kirchenasyl – Ausdruck gelebter Verantwortung
Gerade vor diesem Hintergrund gewinnt auch das Kirchenasyl neue Bedeutung. Es versteht sich nicht als Gegenmodell zum Rechtsstaat, sondern als letzter humanitärer Schutzraum in außergewöhnlichen Härtefällen. Gemeinden übernehmen Verantwortung, wenn sie Menschen vor einer drohenden Verletzung ihrer Rechte bewahren und zugleich auf eine erneute sorgfältige Prüfung ihres Falls hinwirken.
Mit der Wanderausstellung „Kirchenasyl – Zuflucht geben – gemeinsam hoffen“, die derzeit in der St.-Maria-zur-Wiese-Kirche in Soest zu sehen ist, wird dieses Engagement anschaulich dargestellt. Die Ausstellung erzählt Geschichten von Menschen auf der Flucht, erläutert die rechtlichen Hintergründe des Kirchenasyls und lädt dazu ein, sich mit Fragen von Menschenwürde, Verantwortung und Solidarität auseinanderzusetzen.
Weitere Informationen zur Ausstellung finden Sie hier:
Wanderausstellung zum Kirchenasyl in Soest
Ein Auftrag an Politik und Gesellschaft
75 Jahre nach der Genfer Flüchtlingskonvention braucht es mehr denn je eine Politik, die Sicherheit und Humanität nicht gegeneinander ausspielt. Flucht ist kein abstraktes Problem, sondern betrifft Menschen mit Hoffnungen, Ängsten und einer unverlierbaren Würde.
Deshalb dürfen Geflüchtete nicht allein als Gegenstand migrationspolitischer Debatten wahrgenommen werden. Ihre Perspektiven, Erfahrungen und Rechte müssen stärker gehört und berücksichtigt werden – in politischen Entscheidungen ebenso wie im gesellschaftlichen Miteinander.
Die Genfer Flüchtlingskonvention erinnert uns daran, dass Menschlichkeit keine Option ist, sondern eine Verpflichtung. Wer die Würde jedes Menschen ernst nimmt, wird sich dafür einsetzen, dass Schutzsuchende nicht an den Rand gedrängt werden, sondern die Chance auf Sicherheit, Teilhabe und einen neuen Anfang erhalten. Gerade Christinnen und Christen sind aufgerufen, ihre Stimme für diejenigen zu erheben, die selbst oft keine Stimme haben.