Mit Schöpfungsverantwortung und Sozialraumorientierung Zukunft gestalten

Die gegenwärtigen Reformprozesse in den Kirchen sind tiefgreifend. Vielerorts wird die klassische Kirchengemeinde rund um den Kirchturm als eigenständige Körperschaft durch größere Verwaltungseinheiten auf Ebene von Dekanaten oder Regionen ersetzt. Personal, Finanzen und Verwaltung werden gebündelt. Die Formel lautet häufig: „Lokal gestalten – regional verwalten“. Diese Entwicklung ist nachvollziehbar und angesichts sinkender Ressourcen vielerorts notwendig. Doch bevor wir über Strukturen entscheiden, sollten wir eine grundlegendere Frage stellen: Wozu gibt es Kirche eigentlich?
Die aktuelle Reformdebatte läuft Gefahr, sich zu stark auf Organisationsformen zu konzentrieren. Dabei erinnert Daniel Hörsch in seinem Beitrag „Vor der Strukturfrage“ daran, dass jede Struktur nur Mittel zum Zweck ist.
Die eigentliche Frage lautet: Welche DNA der Kirche muss durch alle Veränderungen hindurch erhalten bleiben? Genau hier liegt die Chance der gegenwärtigen Umbruchszeit.
Vielleicht erleben wir nicht den Niedergang kirchlicher Gestalt, sondern ihre Verwandlung. Wie bei einer Metamorphose verändert sich die Form, während die innere Identität erhalten bleibt. Die Zukunft der Kirche entscheidet sich deshalb nicht zuerst an Verwaltungsgrenzen, sondern daran, ob sie ihre Sendung neu entdeckt: Menschen mit Gott, miteinander und mit der Welt in Beziehung zu bringen.
Gemeinschaft, Liturgie, Verkündigung und Nächstenliebe bilden den Kern kirchlichen Handelns. Gerade das diakonische Handeln genießt dabei weit über die Grenzen der Kirche hinaus hohe Anerkennung. Ob in der Begleitung von Menschen in Not, in der Arbeit mit Kindern, Familien und Senioren oder im Einsatz für Benachteiligte – hier wird Kirche oft als besonders glaubwürdig, relevant und lebensnah wahrgenommen. Diakonie zeigt, dass christlicher Glaube nicht bei Worten stehen bleibt, sondern Verantwortung für das Zusammenleben übernimmt.
Zugleich stellt sich die Frage, wie Kirche ihren Auftrag unter den Herausforderungen unserer Zeit weiter entfalten kann. Welche Themen verbinden Gottesbeziehung, gesellschaftliche Verantwortung und konkrete Hoffnung für die Zukunft?
Wo entstehen neue Brücken zwischen Kirche und Gesellschaft?
Ein besonders großes Potenzial liegt im Querschnittsthema der Schöpfungsverantwortung. Kaum ein anderes Thema verbindet Glauben, Spiritualität, Gerechtigkeit, Frieden und die Zukunft kommender Generationen so unmittelbar miteinander. Wer Gottes Schöpfung liebt, übernimmt Verantwortung für die Welt, in der wir leben. Schöpfungsliebe wird so zu gelebter Nächstenliebe.
Gleichzeitig eröffnet die Schöpfungsverantwortung neue Zugänge zu Menschen, die sich von kirchlichen Strukturen entfernt haben, aber nach Sinn, Orientierung und gesellschaftlicher Wirksamkeit suchen. Hier kann Kirche zeigen, dass Glaube nicht nur im Kirchenraum stattfindet, sondern mitten im Leben.
Damit verbunden ist die konsequente Orientierung am Sozialraum. Kirche darf nicht primär von ihren Gebäuden, Gremien und Zuständigkeiten her denken, sondern von den Lebenswirklichkeiten der Menschen. Die entscheidende Frage lautet nicht: „Wie erhalten wir unsere Strukturen?“, sondern:
Welche Hoffnungen, Sorgen und Herausforderungen prägen die Menschen vor Ort – und wie können wir dort präsent sein?
Eine regional organisierte Verwaltung kann hierfür sogar Freiräume schaffen. Wenn Ressourcen gemeinsam getragen werden, entstehen neue Möglichkeiten für lokale Initiativen, Netzwerke und Projekte. Die Energie muss dann nicht mehr überwiegend in die Verwaltung fließen, sondern kann in Begegnung, Engagement und gesellschaftliche Wirkung investiert werden.
Die Kirche der Zukunft wird deshalb weniger durch ihre Organisationsform überzeugen als durch ihre Ausstrahlung. Sie wird dort glaubwürdig sein, wo Menschen erleben: Hier wird Gemeinschaft gelebt. Hier wird Hoffnung geteilt. Hier wird Verantwortung für die Schöpfung übernommen. Hier wird das Gemeinwesen gestärkt.
Die eigentliche Reformfrage lautet daher nicht, ob die Verwaltung künftig am Kirchturm oder im Dekanat/Kirchenkreis sitzt. Die entscheidende Frage lautet: Welche Vision die neuen Strukturen tragen sollen.
Wenn es gelingt, die Grundaufträge, Schöpfungsverantwortung und Sozialraumorientierung miteinander zu verbinden, kann aus dem gegenwärtigen Wandel mehr werden als ein Sparprozess. Dann entsteht die Chance auf eine Kirche, die nicht im Verwaltungsmodus verharrt, sondern mitten im Leben wirksam wird – vernetzt, zugewandt und getragen von ihrer eigentlichen Sendung.
Ein Beitrag von FJ Klausdeinken
Lesenswert: Vor der Strukturfrage – Was die kirchliche Reformdebatte eigentlich klären müsste, von Daniel Hörsch auf www.mi-di.de (Link)
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„Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist. […] Sie muss an den weltlichen Aufgaben des menschlichen Gemeinschaftslebens teilnehmen, nicht beherrschend, sondern helfend und dienend.“ (Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Erhebung)

Worauf es jetzt ankommt – Erzbischof Dr. Bentz im Gespräch
Viele Themen bewegen das Erzbistum Paderborn und Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz. Eines ragt dabei bei Engagierten heraus: der Bistumsprozess „Glauben. Gemeinsam. Gestalten.“, in dessen Zuge im Erzbistum Paderborn u.a. Seelsorgeräume entstehen werden. Diese Transformation der Pastoral sorgt bei den Gläubigen und Engagierten für Frust und Hoffnung zugleich. Wieso wird es nicht in jedem Seelsorgeraum drei Pfarreien geben? Wie können sich Gläubige künftig noch lokal engagieren? In welche Richtung möchte das Erzbistum Paderborn gehen und auf welche Leitungsmodelle werden gesetzt? Auf diese und mehr Fragen antwortet der Paderborner Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz im Interview mit Dirk Lankowski, Redaktionsleiter der Abteilung Kommunikation.
Interviewer (Journalist) 1:58
Sie sind ja zuletzt auch immer auf Ihr Kirchenbild angesprochen worden, beziehungsweise auch: Wo soll es mit der Kirche hingehen? Was stellen Sie sich vor? Sie haben das Bild gewählt einer sakramentalen Kirche. Das hört sich ja schön an. Was meint denn sakramentale Kirche eigentlich? Mehr Messen, mehr Sakramente oder wo soll das hinführen?
Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz 2:14
Völlig klar, das ist ein theologischer Begriff. Ich würde es gerne noch mal so Kirche ist weder religiöser Verein noch Club noch irgendwie eine Religion und Sinnstiftungsagentur. Kirche ist tatsächlich ein Werkzeug. Kirche hat eine Tiefendimension. Über die Struktur und über die Institution hinaus ist Kirche dafür da, dass Menschen ein Gespür bekommen für das Heilige. Kirche ist dazu da, diese Botschaft, weil es Jesus Christus gibt, zu allen Zeiten erlebbar, erfahrbar zu machen. Kirche ist dafür da, dass wir mit dieser Botschaft ein Leben führen können, das mit Gott rechnet. Dass ich Gott in mir entdecke, dass ich Gott in unserem Miteinander entdecke, dass ich Gott in der Schöpfung entdecke, dass ich Gott im sozialen Miteinander entdecke. Dafür ist Kirche Zeichen und Werkzeug. Das ist ein Sakrament. Gespür und Offenheit auf dem Himmel. Gespür für das Heilige, Gespür für Gott und den Menschen eine Ahnung von Gott zu geben. Das muss der Mehrwert sein. Darauf muss alles abzielen. Wenn dieses mehr, mehr Gott, mehr Innerlichkeit, mehr Spiritualität, wenn das nicht sozusagen das Ziel ist, dann organisieren wir ein Unternehmen um.
Das Gespräch mit dem Erzbischof hier anschauen (Link)