Eine Welt im Kollaps – rettende Kirche?

Kirche zwischen Prophetie und Hoffnung

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Eine Welt, die auseinanderzufallen scheint, stellt die Frage nach der Rolle der Kirche neu: Ist sie Teil des Problems – oder gerade jetzt ein Ort der Rettung, des Trosts und der Orientierung

Klimakrise, Artensterben, Kriege, fragile Lieferketten und eine verunsicherte Demokratie ergeben das Bild einer Welt, die „aus dem Tritt“ geraten ist. Viele Menschen erleben diese Krisen nicht mehr als vorübergehende Störung, sondern als beginnenden Systemkollaps – als Zusammenbruch vertrauter Sicherheiten, von Versorgungssystemen bis zu politischen Ordnungen. Die Folge ist eine diffuse Mischung aus Angst, Erschöpfung und Resignation, gegen die reine Durchhalteparolen oder Beschwichtigungen kaum noch ankommen.

2. Kirche im Ausnahmezustand

In dieser Situation steht die Kirche selbst unter Druck: Mitgliederschwund, Vertrauensverlust und innere Spannungen nähren den Eindruck, sie sei ein Auslaufmodell, das an der eigenen Botschaft zweifelt und sich dem Zeitgeist anpasst. Zugleich bleibt sie in vielen Regionen eine der wenigen Institutionen mit dichter Präsenz vor Ort, überschaubaren Strukturen und einer langen Tradition im Umgang mit Leid, Schuld und Hoffnung. Gerade diese Kombination – angefochtene Institution und erfahrener Begleiter in Krisen – macht die Frage brisant, ob sie sich in einer „zerfallenden Welt“ neu als rettende Gemeinschaft entdecken kann.

3. Kollapsbewusste Kirche

Der in dem evangelisch.de‑Artikel skizzierte Ansatz einer „kollapsbewussten“ Kirche beginnt mit einer nüchternen Einsicht: Optimistische Botschaften, die einfach „alles wird gut“ versprechen, greifen zu kurz und helfen den Menschen nicht weiter. Stattdessen geht es darum, ernst zu nehmen, dass Systeme kippen können – mit Dominoeffekten, die sich lokal drastisch auswirken. Eine kollapsbewusste Kirche stellt sich daher praktisch und geistlich auf Szenarien ein, in denen Strom ausfällt, Versorgung stockt, öffentliche Ordnung brüchig wird – nicht in Panik, sondern als Form gelebter Nächstenliebe.

4. Räume, Netze, Leuchttürme

Konkrete Bilder dafür sind bereits benannt: Kirchengebäude als „Katastrophenleuchttürme“, in denen Menschen zusammenkommen, Informationen teilen, Wärme finden und Hilfe organisieren. Läutende Glocken können Warnsignale sein, Gemeindehäuser Versammlungsorte, und in vielen Gemeinden gibt es überraschend viele „Fricklerinnen und Ingenieure“, die technische Lösungen für Notlagen erproben können – von Notstrom bis zu Kommunikationswegen. Entscheidend ist eine frühzeitige Vernetzung mit Feuerwehr, Kommune, Vereinen und anderen Initiativen, damit Kirche nicht im Ernstfall isoliert agiert, sondern Teil eines widerstandsfähigen lokalen Netzes wird.

5. Deutung, Trauer, Hoffnung

Über das Praktische hinaus hat die Kirche einen geistlichen Schatz, der in Kollapserfahrungen neu zur Geltung kommen kann: die biblische Tradition, die vom Untergang nicht verschämt schweigt, sondern ihn deutet. Apokalyptische Texte wollen nicht Weltuntergangsphantasien bedienen, sondern Vertrauen stärken, dass Gott selbst in Katastrophen gegenwärtig ist und neues Leben schenken kann. Die Kirche ist erfahren in Sterben und Trauer, doch sie muss lernen, diese Kompetenz auf gesellschaftliche Verluste zu übertragen – auf das Abschiednehmen von Lebensstilen, Sicherheiten und alten Gewissheiten.

Christliche Hoffnung unterscheidet sich von Optimismus: Sie rechnet mit Gottes Handeln im Dunkel, ohne die Realität zu beschönigen oder sich auf wundersame Rettung zu verlassen. Die Geschichten von Exodus und Auferstehung erzählen von Befreiung und neuem Leben nach einer Erfahrung des Scheiterns und des Todes – und sie ermutigen, den Blick nicht von den Abgründen der Gegenwart abzuwenden. Hoffnung entsteht dort, wo Menschen gemeinsam durch den Schmerz hindurchgehen und dennoch auf Gottes Zukunft vertrauen.

6. Prophetisch statt funktional

Wenn Kirche in einer zerfallenden Welt retten will, darf sie sich nicht darin erschöpfen, bloß eine weitere Service‑Institution im Katastrophenschutz zu sein. Sie hat auch einen prophetischen Auftrag: Missstände zu benennen, für gerechteren Frieden einzutreten und die Logik der Gewalt wie der Ausbeutung zu hinterfragen. Das schließt politische Verantwortung ein, ohne das Evangelium in eine bloße Fortschrittserzählung einer immer besseren Welt aufzulösen. Die Kirche bleibt ihrem Kern treu, wenn sie von Christus her fragt, was es heißt, inmitten von Konflikten, hybriden Kriegen und polarisierter Öffentlichkeit Friedensstifterin zu sein.

7. Rettende Kirche: Eine Skizze

Eine rettende Kirche in einer zerfallenden Welt wird sich daher an einigen Merkmalen erkennen lassen:

  • Sie redet ehrlich über Krisen, ohne sie zu dramatisieren oder zu verharmlosen.
  • Sie öffnet ihre Gebäude als Schutz‑ und Begegnungsräume und baut robuste lokale Netzwerke.
  • Sie begleitet individuelle und kollektive Trauer, ohne vorschnelle Vertröstungen.
  • Sie hält an der Mitte des Evangeliums fest und verliert sich nicht in beliebiger Anpassung.
  • Sie mischt sich ein in Fragen von Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung, weil Gottes Liebe die ganze Wirklichkeit umfasst.

So verstanden ist die Kirche kein romantischer Zufluchtsort außerhalb der Krisen, sondern eine gefährdete, widersprüchliche, aber hoffnungsvolle Gemeinschaft mitten darin. Ihr Auftrag ist es nicht, den Zerfall der Welt aufzuhalten, als läge das Heil der Geschichte in ihren Händen, sondern in den Brüchen dieser Welt Spuren des kommenden Reiches Gottes sichtbar zu machen – als Zeichen, dass Rettung möglich ist, selbst wenn vieles verloren geht

Ein lesenswertes Interview mit Walter Lechner (midi), Gabriela Hund (Seelsorgerin) und Martin Horstmann (Melanchthon-Akademie) auf www.evangelisch.de (Link)